Prof. Dr. med. Philipp Hüllemann ist ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Neurologie und neurologische Frührehabilitation im MEDICLIN Klinikum Soltau.
Ist es möglich, mit Medikamenten oder anderen Therapien Epilepsie vollständig zu kontrollieren oder zu heilen?
Prof. Hüllemann: In den meisten Fällen ist eine gute bis sehr gute medikamentöse Anfangskontrolle möglich. In vielen Fällen kann über Jahre hinweg eine Anfallsfreiheit erreicht werden. In speziellen Fällen kann der „Anfallsgenerator“ im Gehirn durch spezialisierte Zentren neurochirurgisch/epilepsiechirurgisch entfernt werden. Durch Medikamente oder spezielle chirurgische Verfahren ist eine deutliche Besserung zu erreichen, eine vollständige Heilung (im Sinne einer Garantie, dass nie wieder Anfälle auftreten werden) ist bisher leider nicht möglich.
Ist Epilepsie vererbbar und welche Rolle spielen genetische Faktoren bei der Entwicklung dieser Erkrankung?
Hüllemann: Bei Verwandten ersten Grades mit Epilepsie kann das Risiko an einer Epilepsie zu erkranken um das zwei- bis vierfache erhöht sein. Man geht davon aus, dass etwa 30 bis40% der Epilepsien durch eine genetische Prädisposition (Veranlagung) begünstigt werden.
Gibt es bestimmte Auslöser oder Risikofaktoren, die Anfälle bei Menschen mit Epilepsie wahrscheinlicher machen?
Hüllemann: Ein unregelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus kann das Auftreten von epileptischen Anfällen begünstigen. D.h. Schichtdienst-Arbeit mit wechselnder Tag- und Nachtarbeit sollte soweit möglich vermieden werden. Einer der häufigsten Anfallsauslöser ist das Vergessen der Medikamenteneinnahme oder ein unkontrolliertes Absetzen der Medikation. Hier ist eine gründliche ärztliche Aufklärung über die Folgen eines unregelmäßigen Medikamentenmanagements extrem wichtig.
Auch der Konsum von Alkohol kann durch eine Interaktion mit den Medikamentenspiegeln im Blut oder durch Alkohol selbst neue Anfälle auslösen. Generell wird kein Alkoholkonsum bei Patientinnen und Patienten mit Epilepsie empfohlen.
Gegen den Risikofaktor „genetische Prädisposition“ können wir leider bisher nichts tun. Aber durch einen regelmäßigen Lebenswandel und eine regelmäßige Medikamenteneinnahme können Anfallsauslöser oft erfolgreich minimiert werden.
Welche Auswirkungen kann Epilepsie auf das tägliche Leben und die Lebensqualität einer Person haben?
Hüllemann: Je nach Art der Epilepsie können die Auswirkungen auf den Alltag sehr unterschiedlich sein. Bei den generalisierten Epilepsien, welche z.B. mit Bewusstseinsverlust und tonisch-klonischen Entäußerungen einhergehen, können Stürze und Verletzungen das Leben beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall können ernsthafte Komplikationen durch den Sturz entstehen. Hier ist eine sehr gute Anfallskontrolle die wichtigste Prävention. Bei anderen Anfallsformen wie z.B. kognitiven Anfällen (kurzen „Aussetzern“ mit kurzzeitiger Verwirrung und/oder stereotypen Bewegungen) können die Patientinnen und Patienten durch ihr soziales Umfeld stigmatisiert werden oder fühlen sich gerade in Umgebung mit fremden Personen sehr unwohl. Hier kann es hilfreich sein das engere soziale Umfeld über die Diagnose zu informieren und ggf. Handlungsempfehlungen im Falle eines Anfalls zu geben.
Wie können Angehörige oder Menschen in der Nähe einer Person mit Epilepsie am besten unterstützen und auf Anfälle reagieren?
Hüllemann: Es kann sehr hilfreich sein, wenn Freunde, Bekannte und Familie über das Vorhandensein einer Epilepsiediagnose informiert werden und Handlungsempfehlungen durch die Betroffenen selbst erhalten und/oder durch die behandelnde Neurologin/ den behandelnden Neurologen.
Wenn das soziale Umfeld weiß, dass bei einem Anfall mit tonisch-klonischen Entäußerungen Gegenstände um die Betroffenen aus dem Weg geräumt werden müssen oder dass die Atemwege frei bleiben müssen (d.h. auf keinen Fall einen Beißkeil oder ähnliches zwischen die Zähne einbringen), ist schon viel erreicht.
Es ist sicherlich auch sehr hilfreich wenn bekannt ist, was im Falle eines Anfalls getan werden muss. Folgende Fragen gibt es hier beispielsweise im Vorfeld zu klären: Gibt es eine Notfall-Medikation? Wo ist diese zu finden? Soll in jedem Fall der Notarzt / die Notärztin informiert werden? Ist eine Klinikeinweisung in jedem Fall erforderlich oder kann der Anfall abgewartet werden? Wie wichtig ist die Überwachung nach einem stattgehabten Anfall?
Hier kann es sinnvoll sein, wenn die engsten Angehörigen oder enge vertraute Personen zu Beratungsgesprächen bei der Neurologin/beim Neurologen hinzukommen.
Wie kann eine Rehabilitation Menschen mit Epilepsie helfen?
Hüllemann: Das Ziel der Rehabilitation ist die Vorbereitung auf den Alltag zu Hause z.B. nach stattgehabter Epilepsie-chirurgischer Hirnoperation. Auch nach einer Serie von Anfällen oder einem Status epilepticus kann es manchmal einige Wochen dauern, bis sich die Betroffenen davon erholen, auch hier kann die Rehabilitation helfen.
Im Rahmen der Rehabilitation ist der Fokus auf nicht-medikamentöse Therapien wie Physiotherapie, Ergotherapie, Neuropsychologische Therapie, ggf. auch Logopädie und oder Psychotherapie. Die medikamentöse Therapie kann im Rahmen der Rehabilitation überprüft werden und auf den Alltag des Patienten angepasst werden. Gerade der Umgang mit der Epilepsieerkrankung im Alltag und das Leben mit Epilepsie im Beruf, in der Familie und im sozialen Umfeld sind wichtige Aspekte die während des Aufenthalts thematisiert und besprochen werden.