„Sich nicht zurückziehen und nicht entmutigen lassen“
Interview mit Dr. med. Alfons Meyer, Chefarzt der Fachklinik für neurologische Rehabilitation, MEDICLIN Klinikum Soltau
Welche Störungen sind bei einer Aphasie typisch?
Bei einer Aphasie ist die Fähigkeit zur sprachgebundenen Kommunikation gestört. Gerade in der akuten Erkrankungsphase müssen die Betroffenen erleben, dass sie nur noch eingeschränkt oder nicht mehr in der Lage sind, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Ebenso sind gehörte Worte, d.h. verbale Äußerungen anderer, häufig unverständlich. Auch Versuche sich schriftlich zu äußern sind nicht selten zunächst erfolglos.
Typische Störungen einer Aphasie sind somit Störungen beim Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben.
Was ist besonders belastend für die Betroffenen?
Die Gedanken im Kopf zu haben und obwohl alle geistigen Fähigkeiten und das Wissen vorhanden sind, sie nicht in Sprache ausdrücken zu können, ist für die Betroffenen meist besonders belastend. Auch deshalb, weil es nicht selten als Folge hat, dass Aphasiker*innen von ihrer Umwelt gemieden werden und vereinsamen.
Was kann Patient*innen helfen?
Neben den spezifischen Therapien sollte man immer versuchen, im Gespräch in kurzen und einfachen Sätzen zu sprechen und schwierige Wörter (z.B. Fremdwörter) zu vermeiden. Hilfreich ist zudem, im Gespräch ausreichend langsam zu sprechen und geduldig zu sein, auch wenn der Redefluss des*der Aphasiker*in ins Stocken geraten ist. Menschen mit einer Aphasie brauchen häufig mehr Zeit um Gesprächsinhalte zu erfassen.
Wie finden Betroffene oder Angehörige eine geeignete Therapie?
Die Behandlung von Aphasien erfolgt durch Logopäden oder klinische Linguisten (klinische Sprechwissenschaftler). Neben den ambulanten oder stationären Behandlungen in einer neurologischen Rehabilitationsklinik ist eine Behandlung auch in geeigneten Therapiezentren oder bei niedergelassenen Logopäd*innen möglich.
Was kann man als Aphasiker*in selbst tun, um besser mit der Situation zurechtzukommen?
Auch wenn die Worte nicht so zur Verfügung stehen wie gewohnt, sollte man als Aphasiker*in sich nicht vor Kontakten mit anderen Menschen scheuen. Eine Besserung der Kommunikationsfähigkeit erfolgt – ebenso wie bei sonstigen neurologischen Störungen auch – durch Mechanismen, die man unter dem Begriff Neuroplastizität zusammenfasst. Darunter versteht man die „Um- bzw. Neuprogrammierung“ geschädigter Hirnareale. Voraussetzung dafür ist eine adäquate Anforderung an das Gehirn. Im Falle einer Aphasie ist dies die Kommunikation. Bedeutet für den Alltag, sich nicht zurückziehen und nicht entmutigen lassen, sondern trotz Aphasie den Kontakt und die Nähe zu anderen halten und Kommunikation immer wieder aufs Neue versuchen.