„Hinter chronischen Schmerzen steckt ein komplexer Prozess“, erklärt Hüllemann: „Es gibt nicht nur eine Ursache, sondern eine komplexe Chronifizierungskette.“ Am Anfang steht eine Verletzung: Eine Wunde, eine Entzündung, ein Gelenktrauma oder eine Nervenschädigung. „Auf Gewebeverletzungen reagieren wir mit Schmerz. Das ist normal“, erklärt Hüllemann: „Doch bei der Entstehung von chronischem Schmerz verändern sich neuronale Abläufe im zentralen Nervensystem und verursachen eine Überempfindlichkeit des schmerzverarbeitenden Systems.“ Es kommt zu Sensibilisierungsprozessen. Die normale Antwort unseres Körpers auf Gewebeschäden wird zu einer Art Dauerschleife, zu einer lang anhaltenden Erkrankung – selbst wenn die ursprüngliche Verletzung längst nicht mehr besteht.
Weitere Schäden vermeiden
Die Forscher wollen allerdings schon den Beginn einer Schmerzchronifizierung erkennen können: „Neben Blutanalysen werden neue elektrophysiologische Verfahren entwickelt, mit denen wir jede einzelne Nervenfaserfunktion objektiv messen können. Wir wollen bereits in der Frühphase einer Nervenschädigung einer veränderten Nervenfunktion auf die Spur kommen.“ Gelinge dies, könne eine Prädisposition für chronischen Schmerz rechtzeitig erkannt und vor allem der Patient rechtzeitig und individuell angemessen behandelt werden.
Schmerz ist nicht gleich Schmerz: „Nehmen Sie als Beispiel Rückenschmerzen“, erklärt Hüllemann: „Zwei Patienten haben durch Bandscheibenvorfälle Kompressionen der Nervenwurzeln erlitten. Beide leiden unter massiven Schmerzen, jedoch ohne neurologische Ausfallerscheinungen. Wie ist zu verfahren?“