Viele Menschen versuchen über Jahre hinweg abzunehmen – doch oft kehren die verlorenen Kilos schnell zurück. Adipositas-Experte Prof. Dr. Jürgen Wagner, Chefarzt der MEDICLIN Staufenburg Klinik in Durbach erklärt, warum kurzfristige Diäten selten dauerhaft wirken und was stattdessen zu einer nachhaltigen Gewichtsreduktion beitragen kann.
Prof. Wagner, viele Menschen mit leichtem oder mittlerem Übergewicht bemühen sich seit Jahren abzunehmen und/oder ihr Gewicht zu halten, scheitern aber immer wieder und nehmen konstant zu. Woran kann es liegen, dass diese Menschen wiederholt scheitern?
Wagner: Die Gründe, warum Menschen immer wieder zunehmen, sind so vielfältig wie die Gründe, warum Menschen essen. Langjährige Gewohnheiten sind schwer zu ändern, einschneidende „Diäten“ werden nicht langfristig durchgehalten. Die Essgewohnheiten müssen sich dauerhaft ändern, dazu gehört auch viel Wissen um Portionsgrößen, den Kaloriengehalt von Nahrungsmitteln, Snacking oder die Einschätzung, wieviel Kalorien man mit Sport wirklich verbraucht. Auch die Motivation, warum man isst (zur Beruhigung, aus Langeweile o.ä.) muss man kennen, damit man gegensteuern kann. Dauerhafte psychische Belastungen und Stress erschweren eine Gewichtsabnahme. Es geht daher letztlich um die Umstellung des gewohnten Lebensstils – und das ist eine schwierige Aufgabe.
Warum wird von Diäten abgeraten, die eine schnelle Gewichtsreduktion erzielen sollen?
Wagner: Heutzutage werden solche Diäten nicht grundsätzlich abgelehnt, da sie effektiv zu einer raschen Gewichtsabnahme führen, z.B. als Vorbereitung für eine Operation oder um gesundheitliche Risiken schnell zu senken. Diese sind aber nur kurzfristig durchzuhalten. Da man in dieser Zeit sich keine neuen gesunden Gewohnheiten antrainiert, ist die Chance hoch, dass man wieder zunimmt, sobald man in die „alten Muster“ zurückfällt.
Wie sinnvoll sind spezielle Diätfertigprodukte, wie beispielsweise Diätdrinks, um Gewicht dauerhaft zu reduzieren?
Wagner: So genannte Diätprodukte erscheinen nicht sinnvoll, eine nachhaltige Gewichtsabnahme wurde damit nicht gezeigt. Die Gefahr ist, dass man letztlich mehr isst, da man ja Kalorien „gespart“ hat. Null-Kalorien Softdrinks schmecken süß und steigern den Appetit. Alte Gewohnheiten werden nicht geändert. Oft werden natürliche Inhaltsstoffe durch kalorienärmere künstliche ersetzt. Essen Sie lieber mit Genuss das Original – in Maßen.
Warum können Diäten dazu führen, dass das Körpergewicht allmählich immer höher wird?
Wagner: Wenn Gewicht rasch reduziert wird, geschieht dies praktisch immer durch eine Senkung der Kalorienzufuhr, der Körper schaltet dann um auf Energiesparen, neben Fett wird auch Muskelmasse abgebaut. Natürlicherweise sinkt auch der sog. Ruheenergieverbrauch, man braucht dann auch weniger Nahrungskalorien. Wenn man dann wieder die „üblichen“ Kalorien zu sich nimmt, nimmt der Körper entsprechend zu.
Eine „Diät“, d.h. eine zeitlich begrenzte Begrenzung der Nahrungszufuhr, um lebenslang ein niedrigeres Gewicht zu halten, auch wenn man die Diätphase beendet hat, kann nicht funktionieren.
Viele Menschen konsumieren Süßstoffe statt Zucker und/oder Light-Produkte, weil sie sich davon eine Gewichtskontrolle erhoffen. Ist das sinnvoll?
Nein, je nach Süßstofftyp kann auch der Zuckerstoffwechsel negativ beeinflusst werden. Die Gewohnheit Süßes zu essen wird verstärkt und steigert letztlich den Appetit und die Gefahr der Fehlernährung. Belastbare Daten, dass eine Gewichtsreduktion durch Süßstoffprodukte nachhaltig erreicht werden kann, fehlen.
Unser Experte: Prof. Dr. med. Jürgen Wagner
Dieser Ratgebertext entstand in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. med. Jürgen Wagner, dem Chefarzt der MEDICLIN Staufenburg Klinik. Als Facharzt für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Nephrologie, Diabetologie (Diabetes Exzellenz Zentrum DDG) und Hypertensiologie (DHL) verfügt er über umfassende Expertise in der multimodalen Behandlung von Adipositas und komplexen Stoffwechselerkrankungen und leitet das Schwerpunktzentrum für Diabetes, Nierenkrankheiten und Adipositas.



