Wenn Teenager Essstörungen entwickeln, stehen Eltern oft vor vielen Fragen. Unsere Expertin Dr. Rebecca Knoche gibt Hinweise, worauf Eltern achten sollten und wie sie richtig reagieren. Sie ist Chefärztin der Klinik für Akutpsychosomatik Kinder und Jugendliche und der Rehabilitationsklinik für Kinder-, Jugend- und Familienpsychosomatik und Psychotherapie an der MEDICLIN Seepark Klinik in Bad Bodenteich (Niedersachsen).
Frau Dr. Knoche, die Pubertät ist das Alter mit dem höchsten Risiko für die Entwicklung einer Essstörung. Gleichzeitig ziehen sich viele Teenager von ihren Eltern zurück und wehren deren Einmischung in ihr Leben ab. Was können Eltern tun, wenn sie den Verdacht haben, dass ihr Teenager unter einer Essstörung leidet, dieser das aber vehement verneint. Haben Sie in diesem Fall Empfehlungen? Welches Verhalten der Eltern wäre Ihrer Ansicht nach kontraproduktiv?
Knoche: Eltern sollten zu einem geeigneten Zeitpunkt (nicht im Konflikt oder im Stress) das Gespräch suchen. Außerdem wäre es gut, mit dem Kind zum Kinder- oder Hausarzt zu gehen und dort gemeinsam die Sorgen zu besprechen. Sollte die Sorge berechtigt sein, kann auch der*die Ärzt*in auf die Hilfsmöglichkeiten hinweisen, ggf. unabhängig von den Eltern. Manchmal fällt es Jugendlichen leichter, sich Personen außerhalb des familiären Umfeldes zu öffnen. Kontraproduktiv ist es, das Essverhalten des*der Jugendlichen stark kontrollieren zu wollen, da sich dann häufig die familiären Konflikte verschärfen.
Übergewicht schadet der Gesundheit von Kindern. Diäten können andererseits Essstörungen auslösen. Wie können Eltern ihren übergewichtigen Kindern helfen, ein normales Körpergewicht zu erreichen, ohne dass diese in Gefahr geraten, eine Essstörung zu entwickeln?
Knoche: Ein wichtiger Punkt zur Reduktion von Übergewicht ist ein regelmäßiges Sportangebot (im Verein) und mehr Bewegung im Alltag. Häufig verhindern lange Zeiten des Medienkonsums die Alltagsbewegung, deshalb sollten Medien maßvoll und altersangepasst eingesetzt werden. Außerdem helfen regelmäßige und idealerweise gemeinsame Mahlzeiten, Heißhungerattacken zu vermeiden. Die Kinder lernen dann wieder nach Hunger uns Sättigung zu essen und sie können leichter auf ungesunde Snacks zwischendurch verzichten.
Pro-Ana-Foren werden in den Medien immer wieder diskutiert. Was ist darunter zu verstehen? Welchen Einfluss können diese Foren auf die Entwicklung und den Verlauf einer Essstörung haben?
Knoche: In diesen Foren kommt es zu Vergleichen von essgestörten Pat*innen untereinander. Die daraus resultierende Konkurrenz führt häufig zur Verstärkung der essgestörten Symptomatik und zur Verschlechterung des psychischen und physischen Zustandes. Da die Pat*innen häufig sozial isoliert sind, haben sie jedoch das Gefühl der Gemeinschaft, aus der es ihnen schwer fällt, sich wieder zu lösen.
Weitere Informationen finden Sie in unserem Ratgeber-Artikel: Essstörungen: Magersucht, Bulimie, Binge-Eating
Podcast Social Media & Magersucht
Instagram & Co. – Wie Social Media Kinder und Jugendliche in die Magersucht treibt
Was Soziale Medien wie TikTok oder Instagram mit Magersucht bei Kindern und Jugendlichen zu tun haben, beschreibt Dr. Rebecca Knoche in dieser Folge. Sie erklärt unter anderem, welche Rolle der Algorithmus und sogenannte Influencer*innen spielen, weshalb sich junge Menschen von vermeintlicher Perfektion eher beeinflussen lassen als Erwachsene und wie sich im Netz Gruppendynamiken entwickeln, die Erkrankungen wie Magersucht befeuern.



