14.08.2020

Dem Zucker Saures geben – Diabetes vorbeugen

Zuckerkrankheit vorbeugen. Diabetes Typ-2 kann uns alle treffen. Doch viele Neuerkrankungen wären vermeidbar. Es ist auch eine Frage der richtigen Prävention.

Prof. Dr. med. Jürgen Wagner, Chefarzt für Innere Medizin, MEDICLIN Staufenburg Klinik in Durbach, beschreibt Risiken – und wie man diesen wirkungsvoll vorbeugen kann.

Gesundes Essen, gesundes Leben – die Schlagworte sind heute weit verbreitet. In aller Munde, könnte man auch sagen. Doch das täuscht offensichtlich. In aller Munde sind eher: Gezuckerte Getränke, fettige Fertiggerichte, süße Snacks. Aktuelle Statistiken über Diabeteserkrankungen geben jedenfalls den klaren Hinweis, dass es längst noch nicht so gesund zugeht, wie es sollte: „Diabetes nimmt in Deutschland immer noch zu“, sagt Prof. Dr. med. Jürgen Wagner. „In Deutschland leiden aktuell über sechs Millionen Menschen an Typ-2-Diabetes – und jedes Jahr kommen mehr als 500.000 Neuerkrankungen hinzu.“

Koordiniertes Rehakonzept für Niere, Diabetes und Übergewicht

Dabei wären viele Diabeteserkrankungen mit einem anderen Lebensstil vermutlich vermeidbar. Wagner leitet das größte Nachsorgezentrum bei chronischen Nierenkrankheiten und Nierentransplantation im Südwesten Deutschlands, mit einem großen Diabeteszentrum. Die MEDICLIN Staufenburg Klinik liegt inmitten einer herrlichen Wald- und Wiesenlandschaft am Rande des Schwarzwalds. Wer bekäme beim Blick auf die grünen Hügel nicht Lust auf Bewegung an der frischen Luft? Doch Wagner weiß: „Die Lebensrealität vieler Menschen sieht leider anders aus: zu viel sitzen, zu viel ungesundes Essen, kaum Sport.“ Dabei sind zu wenig Bewegung und Übergewicht die wichtigsten Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes.

Vorbeugung ist gerade bei Diabetes besonders wirkungsvoll

„Jede Stunde sterben drei Menschen an den Folgen von Diabetes, damit können wir uns nicht abfinden“, betont der Mediziner. Natürlich spielt auch die Vererbung eine Rolle. „Aber vor allem begünstigt eine ungesunde Lebensweise den Diabetes. Vorbeugung tut daher Not und ist gerade beim Diabetes sehr wirkungsvoll“, so Wagner mit Nachdruck. 

Als Chefarzt für Innere Medizin beobachtet er, dass Diabetes, Niereninsuffizienz und Übergewicht sich häufig überschneiden und sich zum Teil gegenseitig bedingen: „Mit einem koordinierten Rehakonzept für Niere, Diabetes und Übergewicht schließen wir hier in Durbach eine Lücke und bieten neue Ansätze“, sagt Wagner. Aber noch wichtiger als gebündelte Behandlungsstrategien der Spezialisten ist es, „dass man es gar nicht so weit kommen lässt.“ Und dass man immer daran denkt: Diabetes kann uns alle treffen.

"Mit der Zunahme von Diabetes können wir uns nicht abfinden."

- Prof. Dr. med. Jürgen Wagner

Was genau ist Diabetes?

Diabetes Typ-1 tritt vor allem im Kindes- und Jugendalter auf und ist eine Autoimmunerkrankung. Dabei wendet sich das eigene Immunsystem gegen die körpereigene Insulinproduktion – es entsteht ein Insulinmangel und in dessen Folge ein starker Anstieg des Blutzuckers. Betroffene müssen ein Leben lang Insulin spritzen, um den Zuckergehalt des Blutes zu regulieren. Der Typ-2-Diabetes tritt meist im Erwachsenenalter auf. „Früher sprach man vom Altersdiabetes, heutzutage sind mit steigender Tendenz auch jüngere Menschen von Typ-2-Diabetes betroffen“, sagt Wagner. Oft über viele Jahre unbemerkt wird die Bauchspeicheldrüse überlastet, sie produziert zum einen immer weniger Insulin, zum anderen verlieren die Körperzellen ihre Empfindlichkeit für die Wirkung von Insulin. Die Bauchspeicheldrüse versucht dies auszugleichen, indem sie immer mehr Insulin ausschüttet. Doch trotz erhöhtem Insulinspiegel gelangt immer weniger Zucker in die Körperzellen.

Wie schädigt der Zucker unsere Gefäße und Nerven?

In Folge steigt der Blutzuckerspiegel, was sich auf eine Reihe von Stoffwechselvorgängen ungünstig auswirkt. Dadurch kommt es zu Ablagerungen und Entzündungsreaktionen vor allem in den kleinen Blutgefäßen, die besonders empfindlich sind. „Da diese feinen Gefäße vor allem im Auge und in den Nieren vorkommen oder die Nerven versorgen, schädigt der Diabetes vor allem diese Organe. Erblindung, Nierenerkrankungen, aber auch der diabetische Fuß und Schäden am Herzen können die Folge sein“, so Wagner. „Das Wichtigste ist, schon viel früher anzusetzen. Und bereits zu verhindern, dass die Blutzuckerwerte im Körper ansteigen.“ Für die Entstehung des Diabetes spielen aber auch Erbfaktoren eine Rolle. „Wenn etwa die Eltern auch schon Diabetes hatten. Aber ob der Diabetes sich tatsächlich entwickelt, hängt auch an unserer Lebensführung.“

Runter mit dem Gewicht

Über neunzig Prozent der Typ-2-Diabetiker sind übergewichtig oder sogar schwer übergewichtig. Bei Übergewicht wird die Bauchspeicheldrüse mehr in Anspruch genommen, der Insulin-, aber auch der Blutzuckerspiegel ist erhöht, dadurch wird Übergewicht zum Hauptrisikofaktor für Diabetes. „Wenn dann noch Bewegungsmangel dazukommt, schafft das perfekte Bedingungen für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes.“

In den letzten Jahren wird in der klinischen Praxis wieder verstärkt darauf geachtet, Diabetes weniger allein durch Medikamente, sondern mehr durch eine deutliche Gewichtsreduktion zu bekämpfen. „Eine Rückbildung von Diabetes kann bei vielen Patienten, die noch nicht so lange erkrankt sind, durch eine Gewichtsnormalisierung oder deutliche Gewichtsabnahme erreicht werden“, sagt Wagner. „Viele Patienten quälen sich. Aber es lohnt sich: Schon eine Gewichtsreduktion um fünf Prozent des Körpergewichtes senkt den Blutzuckerspiegel deutlich“. Außerdem werde die Bauchspeicheldrüse entlastet und könne sich erholen – und die Muskeln werden wieder empfindlich für Insulin.

"Gut gegen Diabetes, gut für den Menschen. Der Körper freut sich, wenn er gefordert wird."

- Prof. Dr. med. Jürgen Wagner

Sport ist Mord – für Diabetes!

Sport ist nicht nur eine wichtige Voraussetzung für eine Gewichtsabnahme, sondern er hat auch direkte Effekte auf den Blutzuckerspiegel. Die Muskeln nehmen gerne wieder Zucker auf, daher sinkt der Spiegel im Blut. Durch die Bewegung wird der Zucker zur Energiegewinnung verbraucht und die Situation normalisiert sich. „Es kommt beim Sport daher nicht darauf an, Höchstleistungen zu erzielen, sondern auf die Regelmäßigkeit, also etwa fünf Mal pro Woche für 30 Minuten“, so der Diabetesspezialist. Das kann man auch in den Tagesablauf einbauen, in dem man bewusst zügig mehr zu Fuß geht, Treppen steigt oder das Fahrrad nimmt. Der Körper freut sich, wenn er etwas gefordert wird! Am besten ist, wenn man Ausdauersport und Kraftsport verbinden kann, Ausdauersport verbraucht die überschüssige Energie des Zuckers und der Muskelaufbau durch Kraftsport sorgt für einen höheren Grundumsatz.

Die richtige Ernährung

Zucker oder Süßes allein machen keinen Diabetes, das Problem ist eine Ernährung, die dauerhaft dem Körper zu viel Kalorien, Fett und Kohlenhydrate zumutet. „Von allem etwas, aber nicht zu viel – das wussten schon die alten Griechen, daran hat sich bis heute nichts geändert“, sagt Wagner. Doch was ist zu viel? Es macht Sinn, sich mit seiner Ernährung zu beschäftigen und herauszufinden, wie viel Kalorien brauche ich und wie viele stecken in meinem Essen?

Limonade, Softdrinks und vermeintlich gesunde Obstsäfte sind „Kalorienbomben“, ebenso der Alkohol. Zu große Portionen, Fertigprodukte und Snacks liefern auf Dauer zu viel Energie. Obst, Gemüse und Vollkornprodukte dagegen setzen den Zucker langsam frei, ohne dass die Bauchspeicheldrüse überlastet wird.

Den Diabetes zu Beginn merkt man nicht

Wichtig ist es, den Blutzucker ab dem 35. Lebensjahr regelmäßig untersuchen zu lassen: „Diabetes kann man auch schon in frühen Stadien erkennen und bekämpfen, bevor Schäden eingetreten sind“, betont Wagner. Auch Bluthochdruck ist ein häufiger Begleiter des Diabetes. Der Verzicht auf Zigaretten und geringer Alkoholkonsum spielen im Kampf gegen die Zuckerkrankheit ebenfalls eine Rolle, da Rauchen ebenfalls die Gefäße schädigt und Alkohol Diabetes begünstigt.

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Prof. Dr. med. Jürgen Wagner

Prof. Dr. med. Jürgen Wagner

Chefarzt Innere Medizin

MEDICLIN Staufenburg Klinik