© millaf - stock.adobe.com Medikamente wie Ozempic können beim Abnehmen helfen und werden inzwischen auch zur Behandlung von Adipositas eingesetzt. Wie sie wirken, welche Ergebnisse Studien zeigen und warum Lebensstiländerungen trotzdem entscheidend bleiben.
Wenn Patient*innen mit Adipositas eine dauerhafte Gewichtsreduktion nicht gelingt, werden in der Zukunft zunehmend unterstützend Medikamente eingesetzt, die aus der Diabetes-Behandlung bekannt sind. Sie vermindern den Appetit und führen so zu einer Gewichtsreduktion. In Deutschland wurden diese Medikamente häufig bislang nur im Rahmen einer Diabetes-Therapie zugelassen, mittlerweile liegen jedoch auch Zulassungen für die Behandlung des Übergewichts vor. Erfolgt die Behandlung jedoch ausschließlich zur Gewichtsreduktion, müssen Patient*innen die Kosten derzeit in der Regel selbst bezahlen. Diese Medikamente sind auch aus den sozialen Medien bekannt und haben einen „Hype“ ausgelöst, so dass derzeit oft Lieferschwierigkeiten bestehen.
Bei vielen Patientinnen mit Adipositas ist das hormonelle Gleichgewicht zwischen Hunger und Sättigung gestört. Hier setzen moderne Medikamente an. Der Wirkstoff Semaglutid beeinflusst hormonelle Signale im Körper, die das Sättigungsgefühl im Gehirn verstärken und dafür sorgen, dass sich der Magen langsamer entleert. Dadurch nimmt der Appetit ab und die Nahrungsaufnahme wird reduziert. Semaglutid wird unter dem Handelsnamen Ozempic zur Behandlung von Diabetes Typ 2 eingesetzt und ist unter dem Namen Wegovy auch zur Behandlung von Adipositas zugelassen und in Deutschland verfügbar. Die Medikamente werden in der Regel einmal pro Woche unter die Haut gespritzt.
Darüber hinaus wird derzeit an neuen Darreichungsformen gearbeitet: Wirkstoffe mit ähnlichen Effekten werden zunehmend auch als Tabletten entwickelt oder bereits für einzelne Indikationen außerhalb Deutschlands eingesetzt. Ziel ist es, die Behandlung künftig einfacher und für Patientinnen noch besser zugänglich zu machen.
Ozempic und Wegovy: Wie wirksam sind die Abnehmspritzen?
In klinischen Studien erreichten Teilnehmer*innen mit diesen Medikamenten eine Gewichtsabnahme von fünfzehn oder mehr Prozent innerhalb eines Jahres, d. h. 15 kg im Mittel bei einem Ausgangsgewicht von 100 kg, was die besondere Wirksamkeit belegt.
Mit Tirzepatid steht ein weiterer Wirkstoff zur Verfügung. In US-Studien konnte damit eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von bis zu 21 Prozent erreicht werden. Tirzepatid (Mounjaro) ist seit Ende 2023 auch zur Behandlung von Adipositas zugelassen.
Weitere Medikamente befinden sich bereits in der Entwicklung. Einige sollen gleichzeitig mehrere hormonelle Signalwege beeinflussen, sodass künftig möglicherweise noch stärkere Effekte bei der Gewichtsreduktion erreicht werden können.
Mit diesen Ergebnissen stoßen die Medikamente in Bereiche vor, die früher fast nur durch eine Magenoperation (bariatrische Operation) erreichbar waren. Nach einigen Monaten der Behandlung stagniert das Gewicht und geht nicht noch weiter zurück, da auch andere Mechanismen im Körper das Gewicht stabilisieren.
Für wen sind Abnehmspritzen geeignet?
Die Wirkstoffe können ab einem Body-Mass-Index von 27 eingesetzt werden, wenn die Betroffenen mindestens eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung haben, die im Zusammenhang mit Adipositas steht (z. B. Bluthochdruck, Diabetes Typ-2). Wenn es keine Begleiterkrankungen gibt, ist die Behandlung mit diesen Medikamenten ab einem BMI von 30 zugelassen. In Deutschland müssen die Patient*innen die Medikamente für die Gewichtsreduktion bislang jedoch selbst bezahlen.
Die Behandlung mit diesen Medikamenten sollte immer ärztlich begleitet werden. Damit sie gut wirken können, ist es wichtig, die Ernährung umzustellen und sich mehr zu bewegen. Nur so kann das Gewicht langfristig gesenkt werden.
Warum Medikamente allein nicht ausreichen
Im Alltag zeigt sich häufig, dass die möglichen Effekte der Medikamente nicht vollständig erreicht werden. Gründe dafür können zum Beispiel eine unregelmäßige Anwendung, eine zu niedrige Dosis, eine unzureichende Anpassung der Ernährung und zu wenig Bewegung sein.
Die Medikamente können zudem Nebenwirkungen wie Übelkeit, Völlegefühl oder Verstopfung verursachen. Daher wird die Dosis in der Regel langsam gesteigert. Außerdem müssen die Wirkstoffe dauerhaft eingenommen werden – werden sie abgesetzt, steigt das Gewicht häufig wieder an.
Wie sicher die Medikamente bei einer sehr langfristigen Anwendung sind, ist bislang noch nicht vollständig geklärt. Auch Ursachen wie emotionales Essen lassen sich allein durch Medikamente nicht lösen.
In Kombination mit einer kalorienreduzierten Ernährung, mehr Bewegung und gegebenenfalls einer Verhaltenstherapie können die Medikamente jedoch sehr wirksam sein. In einem ärztlich begleiteten Behandlungskonzept lassen sich so nicht nur das Gewicht deutlich reduzieren, sondern auch typische Folgeerkrankungen des Übergewichts wie Bluthochdruck, Diabetes, Herz- und Nierenerkrankungen oder Gelenkbeschwerden bei Erkrankungen des Bewegungsapparats positiv beeinflussen.
Experte im Interview
Unser Experte: Prof. Dr. med. Jürgen Wagner
Dieser Ratgebertext entstand in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. med. Jürgen Wagner, dem Chefarzt der MEDICLIN Staufenburg Klinik. Als Facharzt für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Nephrologie, Diabetologie (Diabetes Exzellenz Zentrum DDG) und Hypertensiologie (DHL) verfügt er über umfassende Expertise in der multimodalen Behandlung von Adipositas und komplexen Stoffwechselerkrankungen und leitet das Schwerpunktzentrum für Diabetes, Nierenkrankheiten und Adipositas.



