28.01.2020 Sucht & Mediensucht: Psyche & Körper

Sporttherapie bei Suchterkrankungen

Lernen, den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen – das spielt nicht nur bei der Behandlung von Mediensüchtigen eine Rolle. Suchtmedizin ist einer der Schwerpunkte an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am MEDICLIN Müritz-Klinikum in Röbel. Paavo Lohmann, Sporttherapeut an der Klinik, betreut unter anderem Patienten, die zur Entgiftung von Alkohol, Cannabinoiden, Stimulanzien, Schlafmitteln und Schmerzmitteln behandelt werden.

Wieso Bewegungstherapie bei Suchterkrankungen?

P. Lohmann: Wenn Suchtkranke hier in die Klinik kommen, sind sie in einem körperlich desolaten Zustand. Bewegung hilft ihnen dabei, ein Gefühl für körperliches und psychisches Wohlbefinden entwickeln zu können. Ziel ist zum einen, dass sie eine geregelte Tagesstruktur erfahren, zum anderen körperlich fitter werden. Sport und Bewegung können Patienten dabei unterstützen, zu einem gesunden Lebensstil und zu einem normalen Alltag zurückzufinden.

Mit welchen Schwierigkeiten haben Suchtpatienten zu kämpfen?

P. Lohmann: Das kommt darauf an, in welchem Zustand Suchtpatienten hier ankommen. Die meisten haben Schwierigkeiten mit ihrer Konzentration und Koordination. Ein wichtiges Element ist daher das Wahrnehmungstraining: Beim sogenannten propriozeptiven Training geht es beispielsweise darum, dass Patienten ihren eigenen Körper im Raum bewusst wahrzunehmen lernen. Feedbacks spielen dabei eine große Rolle. Also, sie geben Antworten auf Fragen wie: Wie nehme ich die Umwelt wahr? Wie geht es mir, wenn ich Sport treibe?

Was genau ist Bestandteil der Bewegungstherapie?

P. Lohmann: Zur Therapie gehören Muskelaufbau-, Herz-Kreislauf- und Wahrnehmungstraining. Ausdauertraining ist ganz gut geeignet, da sehr schnell Erfolge sichtbar werden. Als Beispiel: Zu Beginn der Therapie schaffen es einige Patienten gerade, fünf Minuten am Ergometer auf niedrigster Stufe zu trainieren, nach zwei Wochen können es sogar mehr als 30 Minuten sein. Auch therapeutisches Schwimmen oder Volleyballtraining kann Teil der Behandlung sein. Es ist wichtig, dass das Training alltagstauglich ist.

Zur Entwicklung koordinativer Fähigkeiten bieten wir unter anderem Training auf der Slackline und propriozeptives Training an.

Welchen Herausforderungen begegnen Sie in der Therapie?

P. Lohmann: Da Suchterkrankungen zumeist auch mit anderen Erkrankungen wie Depressionen oder Ängsten einhergehen, haben Patienten unter anderem auch mit Antriebslosigkeit und Schlaflosigkeit zu kämpfen. Viele zeigen starke Hemmungen, sich in der Gruppe zu bewegen. Denn egal, wie vermeintlich selbstbewusst sie vielleicht sonst auftreten, der Körper lügt nicht. Jüngere Patienten sind zwar belastbarer, aber sie überschätzen sich häufig. Sie lernen in der Therapie, wo ihre Grenzen sind.

Wie motivieren Sie denn die Patienten?

P. Lohmann: Als Therapeut versuche ich, eine Beziehung zu den Patienten aufzubauen. Das gelingt nicht immer, denn in der Gruppe sind meistens 12 bis 15 Patienten, die hier zwei bis sechs Wochen behandelt werden. Seit 17 Jahren bin ich hier Therapeut und meine Erfahrung ist, dass es überhaupt nichts bringt, einfach nur Kommandos in den Raum zu rufen. Nur wenn die Patienten positive Erlebnisse beim Sport haben, bringt dies sukzessive Erfolge. Entsprechend des Gesundheitszustandes schaffen wir das dann in kleinen Etappen.

Kann denn Sport auch zur Ersatzdroge werden?

P. Lohmann: Sport kann helfen, Spannungen und Sucht entgegenzuwirken. Doch wenn Sport die Tagesplanung dominiert oder Sport getrieben wird, um vor kritischen Situationen zu flüchten, kann Sport auch zur Ersatzdroge werden. Wenn ich feststelle, dass Suchtpatienten jeden Tag im Fitnessstudio exzessiv Sport treiben, schreite ich ein. Als Therapeut will ich die Patienten dabei unterstützen, auch beim Sport ein gesundes Maß zu finden.

 

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