10.08.2020

Arbeit in einer psychosomatischen Klinik: Strategien gegen Stress

Die Arbeit in einer psychosomatischen Klinik kann seelisch stark belasten. Nur wer gut für sich sorgt, kann sich angemessen um andere kümmern.

Dr. med. Max Holger Warnke, Chefarzt der Rehabilitationsklinik für Psychosomatische Medizin, und Benedikt Küttel, Psychologe M. Sc., von der MEDICLIN Seepark Klinik Bad Bodenteich nehmen seelische Belastungen von Mitarbeitern in den Blick.

Anderen beistehen. Und die eigenen Probleme vernachlässigen. Das geschieht in helfenden Berufen häufig, weiß Dr. Max Holger Warnke: „Wie viele MEDICLIN Standorte, hat auch die Seepark Klinik einen ganzen Strauß Maßnahmen zur Gesunderhaltung. Aber viele sind bewegungsbezogen, um den hohen Anteil an sitzender Tätigkeit auszugleichen.“

So gibt es einen Lauftreff, die Möglichkeit, das Schwimmbad zu nutzen sowie den wöchentlichen Mitarbeitersport in der medizinischen Trainingstherapie. Sonntagfrüh steht Zumba-Fitness auf dem Plan, es gibt Feldenkrais-Training und ein Nikotinentwöhnungsprogramm – und die jährliche Grippeschutzimpfung. Kurz: Vorbildlich, was in Bad Bodenteich geleistet wird für die Gesundheit der Mitarbeiter.

"Seelische Belastungen werden vernachlässigt."

- Dr. med. Max Holger Warnke

„Seelische Belastungen sind bei Angeboten zur Prävention von arbeits- und berufsbedingten Stressfolgesymptomen jedoch genauso zu beachten“, sagt Benedikt Küttel, Coach und Psychotherapeut in der Seepark Klinik: „Dabei gibt es einfache Methoden, um sich vor negativen Folgen dieser Beanspruchung zu schützen.“

„Eines der häufigsten therapeutischen Themen bei uns in der Psychosomatik ist die Abgrenzungsfähigkeit“, sagt Chefarzt Warnke: „Dieses Thema betrifft nicht nur unsere Patienten, sondern auch uns als Personal.“ Im Kontakt mit Patienten sind die Mitarbeiter der Klinik mit persönlichen Schicksalen konfrontiert: „Wer diese Themen mit nach Hause nimmt, zu hohe Ansprüche an Behandlungserfolge hat und die professionelle Distanz zu den emotionalen Problemen der Patienten verliert läuft Gefahr, früher oder später erschöpft zu sein und ,sich leergesaugt‘ zu fühlen.“

Nicht nur drohender Burn-out ist ein Thema: „Als Mitarbeiter dienen wir, ob wir es wollen oder nicht, den Patienten in unserer Klinik als Modell für Verhaltensmöglichkeiten,“ unterstreicht Therapeut Küttel: „Ein gestresster Mitarbeiter, der keine gute Selbstfürsorge betreibt, ist auch kein gutes Vorbild für eine Lebensstiländerung beim Patienten.“ Therapierende müssen also in doppelter Hinsicht auf sich achten: „Einmal, um uns selber zu schützen, und zum anderen, um für die Patienten ein Beispiel darzustellen, das sie glaubhaft nachahmen können. Man könnte auch sagen: ,practice what you preach‘“.

„Im Kern geht es um zwei Fragen“, so Warnke: „Wie kann ich mich innerlich von emotionalen Problemen der Patienten abgrenzen? Und wie kann ich von der Arbeit abschalten?“ Die beiden Therapeuten bevorzugen zwei Methoden aus der metakognitiven Therapie, die helfen, aufmerksamer mit beruflichen Belastungen umzugehen: Das Aufmerksamkeitstraining sowie die Methode der „losgelösten Achtsamkeit“. Küttel erklärt: „Das Aufmerksamkeitstraining knüpft beim Thema ,Abschalten von der Arbeit‘ an. Bei der losgelösten Achtsamkeit geht es um innerliche Abgrenzung von den Themen unserer Patienten, aber auch um eigene Gefühle, die im Patientenkontakt entstehen.“

„Aufmerksamkeitstraining ist eine Art mentales Fitnesstraining. Man lernt, den Aufmerksamkeitsfokus zu kontrollieren“, so Küttel: „Ein Gedanke ist nur dann ein Gedanke, wenn wir ihm Aufmerksamkeit schenken, so einfach ist das. Und genauso einfach kann man trainieren, störende Gedanken links liegen zu lassen, um nach der Arbeit abschalten zu können.“ Die Methode der losgelösten Achtsamkeit wiederum hilft dabei, Gedanken, aber auch Körperempfindungen und Emotionen, distanzierter wahrzunehmen. „Wir nutzen sie insbesondere bei komplexen und emotionsbesetzten Arbeitsthemen“, so Warnke, „wenn es etwa darum geht, sich von Themen der Patienten und deren persönlichen Schicksalen abzugrenzen. Sie bietet in Kombination mit dem Aufmerksamkeitstraining eine gute Grundlage, um einen belastenden Gedanken zu erkennen, distanziert wahrzunehmen und im nächsten Schritt links liegen zu lassen.“


Die Übungen zeigen, dass es möglich und sinnvoll ist, auch für seelische Belastungen einen Ausgleich zu schaffen: „So begrenzt man die Belastungen der Arbeitswelt und bekommt den Kopf frei für die Anforderungen und Beglückungen der erwerbsfreien Zeit“, so Küttel. „Der zweite Aspekt ist besonders wichtig“, ergänzt Chefarzt Warnke: „Wer in der Lage ist, seine Freizeit sinnhaft und genussvoll zu erleben, ist widerstandsfähiger gegenüber beruflichen Fährnissen und kann Kränkungen, Konflikte oder Belastungen besser wegstecken.“ Und davon profitieren am Ende nicht nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – sondern auch die Patientinnen und Patienten.

Übungen zur Stressprävention

Aufmerksamkeitstraining
Aufmerksamkeitstraining ist eine Art mentales Fitnesstraining, das wie andere Fitnesstrainings auch der regelmäßigen Übung bedarf. Man benötigt etwa 10 – 15 Minuten täglich. Infos unter www.metakognitivetherapie.de

Losgelöste Achtsamkeit
Auch die losgelöste Achtsamkeit lässt sich trainieren. Man versucht dabei, eine innere Distanz zu eigenen Gedanken einzunehmen. Dafür eignen sich „freie Assoziationsübungen“, bei denen man die eigenen Gedanken distanziert beobachtet, aber nicht bewertet.
 

Ihr Ansprechpartner

Dr. Max Holger Warnke

Dr. Max Holger Warnke

Chefarzt der Rehabilitationsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Erwachsene

MEDICLIN Seepark Klinik