14.08.2020

Spannungsfeld zwischen Herz und Psyche

Herzinfarkt oder Herzrhythmusstörungen betreffen den ganzen Menschen – doch allzu oft werden die Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele unterschätzt. Die Psychokardiologie stellt die Verbindung von Herz und Kopf in den Mittelpunkt.

An der MEDICLIN Albert Schweitzer Klinik behandelt Chefarzt Dr. med. Thomas Witt Patienten, die nicht nur am Herzen erkrankt sind, sondern auch seelisch leiden.

Es gibt in Deutschland nur wenige kardiologische Kliniken, die den Wechselwirkungen zwischen Herzerkrankung und psychischen Leiden Rechnung tragen. An der Albert Schweitzer Klinik im Schwarzwald eröffnete vor zwei Jahren die „Abteilung für verhaltensmedizinisch orientierte Rehabilitation in der Kardiologie“: „Das klingt umständlich“, sagt Witt, Chefarzt der Fachklinik für Herz-, Kreislauf- und Gefäßerkrankungen: „Alltagssprachlich wird diese Fachrichtung daher Psychokardiologie genannt.“ Behandelt werden Menschen mit einer Grunderkrankung des Herz-Kreislauf-Systems und bedeutsamer psychischer Zusatzproblematik.

„Lange lief das Thema etwas unter dem Schirm“, erklärt der Kardiologe. Doch in Thomas Witts Spezialabteilung tritt ein Phänomen zutage, das gesellschaftlich immer brisanter wird: Der Kardiologe nennt es das „Spannungsfeld zwischen Herz, Psyche, Beruf und Privatleben“. Viele seiner Patienten hätten einen hohen, oft zu hohen Anspruch: „Für viele ist die kluge Verbindung von Privat- und Berufsleben einschließlich hoher Gesundheitskompetenz ein ganz hohes und wichtiges Ideal“, sagt Witt. Und es gewinne durch die Herzerkrankung noch mehr an Bedeutung.

„Es ist daher nur allzu verständlich, dass psychokardiologische Patienten mit einer ausgeprägten Erwartung an die Rehabilitation zu uns kommen“, so der Mediziner: „Sie möchten möglichst wieder so leistungsfähig werden wie zuvor, obwohl die meisten genau wissen, dass sie ihre Leistungsgrenzen über längere Zeit überschritten haben und ihre Gesundheit auch deshalb so stark angeschlagen ist.“

Die Herzpatienten fühlen sich häufig umfassend erschöpft, kein Wunder: Psychische Beschwerden wie Depressionen wirken sich ungünstig auf das Herz aus. Umgekehrt können Herzerkrankungen zu Angststörungen oder Depressionen führen. Ein Teufelskreis. „Es ist eine ausgeprägte körperliche und psychische Müdigkeit und ein Gefühl, abgelehnt zu werden sowie von etwas oder jemandem besiegt worden zu sein“, erläutert Witt: „Wenn wir genauer hinschauen, finden wir oft ein berufliches Umfeld, das demoralisierend einwirkt.“ Die verhaltensmedizinisch orientierte Rehabilitation in der Kardiologie konzentriert sich daher auf Maßnahmen der Verhaltens- und Verhältnisprävention.

Bei der Verhaltensprävention geht es darum, das individuelle Gesundheitsverhalten in Bezug auf Risikofaktoren bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu schulen, aber auch um eine „Stärkung der Psyche durch einen Aufbau von Schutzfaktoren“, wie es Witt formuliert: „Dies bezieht sich beispielsweise auf ausreichende Phasen der Erholung, die Pflege sozialer Kontakte und eine angemessene Freizeitgestaltung.“

Die Verhältnisprävention bezieht sich, wie der Name schon andeutet, auf die Lebens-und Arbeitsverhältnisse: „Ganz oft geht es im Gespräch darum, übermäßige Ängste vor der Krankheit oder der veränderten Lebenssituation abzubauen. Und ganz konkret: Wie kann man neue berufliche Strategien gemeinsam mit den Arbeitgebern entwickeln und individuelle, gegebenenfalls unkonventionelle Lösungen finden? Das bringt häufig den größten Erfolg.“

Ihr Ansprechpartner

Dr. med. Thomas Witt

Dr. med. Thomas Witt

Ärztlicher Direktor Chefarzt der Fachklinik für Herz-, Kreislauf- und Gefäßerkrankungen

MEDICLIN Albert Schweitzer Klinik / MEDICLIN Baar Klinik