18.08.2020

Schutz vor akustischen Belastungen

Unser Gehör ist wertvoll. Deshalb sollten wir es schützen – und das Bewusstsein für akustische Belastungen in unserem Alltag schärfen.

Die erheblichen Auswirkungen von Hörschäden beobachtet Dr. med Harald Seidler von den MEDICLIN Bosenberg Kliniken in St. Wendel.

„Das Gehör ist vielleicht der wichtigste Sinn, den wir haben. Das ist aber den meisten Menschen nicht bewusst“, sagt Dr. med. Harald Seidler, Chefarzt HNO an den Bosenberg Kliniken. Wenn der Mediziner über Gehör und Hörvermögen spricht, gerät er fast ins Schwärmen: „Es erbringt unglaubliche Höchstleistungen!“ So reiche der Hörbereich des menschlichen Ohrs in jungen Jahren von etwa 16 bis maximal 20.000 Hertz – was es ermöglicht, sehr tiefe und sehr hohe Töne zu unterscheiden. „Das geht weit über das Verstehen von Sprache, die schon mit 500 bis etwa 4.000 Hertz auskommt“, so der HNO-Spezialist. „Eine weitere Aufgabe des Hörens ist die Orientierung im Raum, also Schallquellen lokalisieren und deren Richtung und Entfernung bestimmen.“ Wie selbstverständlich können wir selbst in hoch komplexen Kommunikationssituationen wie etwa Livekonzerten oder im Restaurant die Worte unserer Gesprächspartner aus Nebengeräuschen herausfiltern. „Eine Höchstleistung des Hörsystems, an der sich alle Ingenieure der Hörgerätetechnik noch heute die Zähne ausbeißen“, betont Seidler: „Dies gelingt auch noch ohne große Anstrengung, sodass Gehirnkapazität frei bleibt, um das Gehörte zu reflektieren und zeitnah auf Informationen zu reagieren.“

Wenn alle anderen plötzlich nuscheln, ist es höchste Zeit für einen Hörtest.

- Dr. med. Harald Seidler, MEDICLIN Bosenberg Kliniken in St. Wendel

Kommunikation im Lärm

Für den Mediziner aus dem saarländischen St. Wendel ist es daher umso erstaunlicher, zu beobachten, wie leichtsinnig sich viele Menschen freiwillig hohen Lautstärken von über 90 Dezibel im Beruf und in der Freizeit aussetzen. Etwa ein Drittel aller Lärmarbeiter nutzt die von den Berufsgenossenschaften vorgeschriebenen Lärmschutzmaßnahmen nicht, obwohl sie oft während einer ganzen Schicht Belastung von über 80 Dezibel ausgesetzt sind. „Als Entschuldigung wird oft der Wunsch nach Kommunikation im Lärm angegeben“, berichtet Seidler.

Leider macht Lärm nicht am Betriebstor halt. So macht es vielen Menschen nichts aus, wenn sie nach einem Discobesuch noch ein temporäres Klingeln in den Ohren beschreiben und das Gehör etwas gedämpft ist. „Geht ja wieder vorüber, heißt es dann. Doch problematisch wird es, wenn es nicht vorübergeht. Dann wird Hören auf einmal anstrengend, da die Deutlichkeit der Sprache abhanden kommt“, sagt Seidler.

„Wenn alle anderen plötzlich nuscheln oder die Qualität des Fernsehtons immer schlechter wird, ist es höchste Zeit, einen Hörtest beim HNO-Arzt oder Hörakustiker zu machen, um die Ursache für diesen ,Hörstress‘ nicht immer nur anderen zuzuschieben.“ Ein häufiges Problem: Auf viele Überlastungen und Störungen reagiert unser Körper mit Schmerzen: „Nicht so beim Gehör. Schlecht hören tut eben nicht weh, deshalb ist es oft sehr schwer, die beginnende Schwerhörigkeit zu erkennen.“

Beträchtliche Konsequenzen

Die Auswirkungen der Hörschädigung sind beträchtlich, Schätzungen gehen von etwa 14 Millionen Betroffenen in Deutschland aus. Das Problem: „Durch die Höreinschränkung kommt es nicht nur zur Überforderung – die Menschen fühlen sich abends ,immer so geschafft‘. Fast unmerklich beginnt man, sein Verhalten zu verändern.“ Ausgehen, Veranstaltungen, Kirmes oder große Versammlungen verlieren an Attraktivität. „Wir sprechen von einem sozialen Rückzug als Reaktion auf die Höranstrengung oder auf Kommunikationsbrüche durch falsches Verstehen.“ Aber hier geht die Spirale erst los, warnt der Mediziner: „Wir wissen heute, dass reduzierte akustische Signalverarbeitung deutliche Auswirkungen auf unsere kognitive Leistungsfähigkeit hat. Die Baltimore Studie von 2018 zeigt sogar ein neunfach höheres Demenzrisiko bei nicht versorgtem mittelgradigem Hörverlust.

Die Risiken für das Gehör liegen aber nicht nur in den bekannten Lärmarbeitsplätzen in der Industrie. „Moderne Lärmberufe sind Kitas, Grundschulen oder Großraumbüros“, so Seidler: „In diesen Bereichen ist es zwar oft nicht so laut wie in Produktionsbetrieben. Allerdings kommt es hier schon bei mittellauten Geräuschbelastungen zu massiven Begleiterscheinungen, wie Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Nervosität und Erschöpfung.“ Grund hierfür sei, dass eine höhere Konzentration nötig sei, um Tätigkeiten auszuführen, wie etwa Dokumente bearbeiten, telefonieren oder unterrichten. Störgeräusche fallen dort viel stärker ins Gewicht.

Man hat nur ein Gehör

„Wir sollten daher das Bewusstsein für akustische Belastungen in unserem Alltag schärfen“, fordert Seidler. „In welcher Umgebung arbeiten und hören wir? Gibt es Lärmquellen, die sich vermindern oder abstellen lassen? Wie ist die Raumakustik? Wie kommunizieren wir im Team? Redet nur einer – oder alle durcheinander? „Wir alle sollten uns daher Hörpausen gönnen“, sagt Seidler: „Und sorgfältig mit dem Gehör umgehen. Man hat nur eines.“

Selbst wenn der Hörtest Defizite nachweist, sei dies keine Katastrophe: „Es gibt für fast alle Formen der Hörschädigung eine Lösung, selbst bei kompletter Ertaubung, etwa durch Cochlea-Implantate. Eine Katastrophe wäre es eher, wenn man nicht mehr bei Diskussionen im privaten oder beruflichen Kontext mitkommt. Denn dann entstehen Konflikte, die von Frust bis hin zur Depression reichen können.“

Auf das Gehör hören

Unser Gehör ist wertvoll, deshalb sollten wir es vor Überlastung schützen:

  • Lärmsituationen sind möglich, dann sollte Lärmschutz selbstverständlich sein.
  • Hörhygiene ist ein ökologisches Ziel. Störgeräusche reduzieren, Musik leiser stellen.
  • Gesprächskultur einführen. Nacheinander reden und nicht durcheinander.
  • Raumakustik verbessern. Schalldämmende Elemente im Speisesaal, in Therapieräumen.
  • Hörpausen einlegen. Permanente Beschallung verhindert Erholung.
  • Hörtraining durch akustisches Waldbaden oder durch genaues Musikhören.
  • Hörtest spätestens, wenn andere auf Hördefizite aufmerksam machen. Selbst merkt man es erst zum Schluss.
  • Hördefizite frühzeitig ausgleichen. Hörhilfen sind kein Stigma, weil kaum noch sichtbar, sondern ein wichtiger Beitrag zur Lebensqualität.

Ihr Ansprechpartner

Dr. med. Harald Seidler

Dr. med. Harald Seidler

Chefarzt Fachklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde

MEDICLIN Bosenberg Kliniken